Tani sucht einen Freund

Dort, wo sich die Grenze befindet zwischen Schlaf und Traum, gibt es ein Land voller Zauber und Farben. Manchen Kindern gelingt es, in ihren Träumen dieses Land zu betreten und dort aufregende Abenteuer zu erleben. Anderen wieder ist es möglich, ihre Erlebnisse nach dem Erwachen weiterzuerzählen oder sogar in wundervollen Bildern festzuhalten. Lass uns gemeinsam in dieses Land reisen, in dem die wunderlichsten Wesen leben. Schau genau hin und lausche, dann wirst auch Du sie entdecken können.

Tani sucht einen Freund

Simone Bischoff

Die Sonne schien durch das Laub der uralten Bäume und malte lustige Kringel auf die Lichtung. Das Gras wiegte sich im warmen Sommerwind und die Blumen nickten Tani, dem kleinen Elfenmädchen, zu. Sie saß auf einem dicken Moospolster und ließ ihre zarten Flügelchen traurig hängen. Ja, sie war so traurig, dass ihre Flügel, die sonst in allen Farben schillerten, jetzt matt und grau an ihr herabhingen.  Die anderen Elfenkinder schwirrten über die Lichtung und spielten Haschen zwischen den Blüten und Grashalmen. Lachen klang zu Tani herüber, doch sie ließ sich davon nicht anstecken. 

Ein Elfenjunge mit zartblauen Flügeln, die im Sonnenlicht seidig schimmerten, löste sich aus dem fröhlichen Treiben. Tani erkannte in ihm Tori, den stillen Elf aus der Nachbarblüte. Er kam auf sie zu.

„Hey Tani, was ist los? Du sitzt hier wie eine kleine Regenwolke. Komm doch mit und spiel mit uns.“

Tani schaute Tori traurig aus ihren großen Augen an. Eine kleine Träne löste sich aus dem Augenwinkel und kullerte über ihre Wange.

„Ach Tori, schau doch nur. Alle auf der Wiese haben jemanden, mit dem sie spielen und reden können. Nur ich habe keinen Freund und  bin allein.“

Tori sah auf die Lichtung. Tani hatte Recht. Keines der Elfenkinder war allein. „Warum suchst du dir nicht auch einen Freund, mit dem du über alles reden kannst und der mit dir spielt? Von allein wird keiner kommen. Es gibt bestimmt jemanden, der dich gern haben wird.“

„Du meinst, ich soll einfach losgehen?“

„Klar, du wirst sehen, bald hast du auch einen Freund und bist nicht mehr allein.“

„Ach Tori, danke für deinen Rat.“ Ein Lächeln huschte über Tanis Gesicht und ihre Flügelchen sahen schon gar nicht mehr ganz so grau aus. Sie eilte zu ihrer Blüte, verabschiedete sich von ihrer Mutter und ihrem Vater und flog in Richtung Waldrand ohne  noch einmal zurückzublicken. So konnte sie nicht sehen, dass nicht nur ihre Eltern ihr hinterher sahen, sondern auch Tori ihr mit seinen Blicken folgte.

Tani war es etwas unwohl, denn sie hatte noch nie ihre Heimatlichtung verlassen. Mit bangem Herzen flog sie in den Wald. Die Kronen der uralten Tannen schluckten das Licht und warfen düstere Schatten auf den Waldboden. Dort lagen vermoderte Wurzeln und Äste, stachliges Brombeergestrüpp rankte sich durch das Dickicht und Pilze verbreiteten ihren aromatischen Duft.  Wie froh war Tani, dass sie fliegen konnte. Doch sie musste aufpassen. Wie leicht konnte sie mit ihren zarten Flügeln an Ästen und Tannennadeln hängen bleiben und sich dann verletzten. Am liebsten wäre sie zu ihrer sonnigen Lichtung zurückgekehrt, aber dann würde sie weiter allein bleiben.

Lange flog sie, ruhte sich auf Ästen aus und  trank den Nektar der Waldblumen, um wieder zu Kräften zu kommen. Längst schon war von ihrer Lichtung nichts mehr zu sehen und die Sonne versank ganz langsam. Im Wald wurde es immer düsterer. Plötzlich hörte Tani ein Poltern ganz in ihrer Nähe. Sie drehte sich in die Richtung, aus der das Getöse kam und wäre fast mit einem riesigen Wesen zusammen-gestoßen. Erschrocken sahen sich beide an. Tani schaute in große, kohlrabenschwarze Kulleraugen, die sich in einem Gesicht befanden, das wie aus Stein gemeißelt erschien. Seine Haut war grau und an manchen Stellen grün, so, als wäre sie mit Moos bedeckt. Seine Haare standen in strubbligen Strähnen in alle Himmelsrichtungen. Tani entdeckte Zweige und verwelkte Blätter in ihnen, die dort wohl schon seit einer Ewigkeit festhingen. Es hätte sie nicht gewundert, wenn sie in all dem Wirrwarr ein Vogelnest entdeckt hätte.

Halt suchend klammerte sich der merkwürdige Geselle mit seinen großen Pranken am nächsten Baumstamm fest, der protestierend knarrte.

„Wer bist du denn?“, fragte er mit einer Stimme, die wie zerbrechendes Holz klang.

„Ich bin Tani von der Elfenlichtung“, antwortete sie, ohne ihn aus ihren Augen zu lassen

„Ich bin Knorf von den Waldschraten“, stellte sich der wilde Bursche vor. „Die Sonne geht unter und ich kann endlich raus und zwischen den Bäumen und Felsen spielen. Weißt du, wir Waldschrate mögen die Sonne nicht so sehr.“

Knorf  hatte sich mit lautem Rumpeln auf den Waldboden gesetzt und betrachtete sie neugierig. „Was machst du um diese Zeit hier im Wald? Ich dachte immer, Elfen verlassen niemals ihre Lichtungen.“

„Ich suche einen Freund“, antwortete Tani.

„Einen Freund? Hm, was ist ein Freund?“

Tani blickte Knorf erstaunt an. Wusste der Waldschrat denn nicht, was ein Freund ist? „Das ist jemand, mit dem man immer spielen kann und der einen niemals allein lässt.“

„Oh, spielen. Spielen, das kann ich richtig gut. Und zu Zweit macht es bestimmt noch mehr Spaß. Du musst nicht mehr suchen, Tani. Ab jetzt bin ich dein Freund.“

„Einfach so? Du bist einfach so mein Freund?“

„Klar, spielen kann doch jeder. Was spielt ihr Elfen denn so?“

„Wir tanzen viel oder spielen Fangen und Verstecken zwischen den Blüten.“

„Blüten gibt es hier im Wald nicht so viel. Und wenn die Sonne weg ist, sind sie sowieso geschlossen. Aber wir können das ja auch zwischen den Bäumen spielen. Komm Tani, lass uns Fangen spielen.“  Schon polterte Knorf los und riss dabei eine kleine Fichte um. Dabei stampfte er auf, dass der Waldboden bebte. Mit lautem Getöse entfernte sich der Waldschratjunge und hinterließ eine Schneiße aus zertretenen Pflanzen und kleinen,  umgeknickten Bäumen.

Tani erschrak. Sie konnte Knorf nur noch hören. Weißt Du, Elfen sind zarte Geschöpfe des Lichtes uns brauchen die Sonne, so wie die Blumen, die sich auch nur bei Sonnenschein öffnen. In der Nacht sind sie blind wie kleine Maulwürfe unter der Erde.

Noch während der Krach, den Knorf machte, langsam nachließ, rollte sich Tani unter dem Schirm eines großen Birkenpilzes zusammen und schlief mit dem Gedanken ein, dass Knorf wohl doch nicht der richtige Freund für sie wäre.

Sonnenstrahlen weckten Tani. Sie tanzten über den Waldboden und kitzelten ihre Nase, sodass sie laut nießen musste. Tani trank einen Schluck Morgentau und naschte vom Nektar der wenigen Blüten, die das dornige Brombeergesträuch trug, das hier überall wuchs. Ganz vorsichtig näherte sie sich den Blüten, um sich ihre zarten Flügel an den scharfen Dornen nicht zu zerreißen.

So gestärkt nahm sie ihre Suche wieder auf. Sie flog und flog, bis sie an den Waldrand kam. Noch nie war eine Elfe ihrer Art so weit weg von ihrem Zuhause. Staunend schaute sie auf die sonnenüberflutete Ebene, die sich vor ihr ausbreitete. Fast meinte sie, ein großer goldener Teppich würde dort liegen. Doch es waren nur die reifen Ähren vollen Korns, die sich sanft im Wind wiegten und im Sonnenlicht  erstrahlten.

Tani hörte Stimmen und schaute in die Richtung, aus der sie erklangen. Am Waldrand sah sie Wesen, die sie hin und wieder schon einmal aus der Ferne auf ihrer Lichtung gesehen hatte. Sie sahen aus wie Elfen, nur viel größer, etwas kräftiger und sie hatten keine Flügel. Das mussten Menschen sein. Von ihnen hatte ihre Mutter oft erzählt. Sie lachten laut und ihre Stimmen überschlugen sich. Ein Mensch, der kleiner war, löste sich aus der Gruppe. Keiner schien etwas zu bemerken. Er kam direkt auf Tani zu, die ihn mit klopfendem Herzen beobachtete. Seine Bewegungen waren noch nicht sicher, die Augen schauten neugierig auf all das, was seinen Weg kreuzte. Vor einer voll erblühten, leuchtend roten Mohnblume hielt er sogar inne, um sie sich genauer anzusehen. Das musste ein Menschenkind sein.

Jetzt war er ganz nah bei Tani und schon schaute er sie aus klaren, blauen Augen an.  Erstaunt fragte das Menschenkind: „Wer bist du denn?“

„Ich bin Tani, eine Blumenelfe. Und wer bist Du?“

„Ich bin Felix.“

„Bist du ein Mensch?“

„Ja, kennst du denn Menschen nicht?“

„Nur vom Hörensagen. Meine Mutter erzählte mir, Menschen würden sich immer streiten und sich kaum um die Natur kümmern. Sie glauben nicht an uns Elfen und machen alles kaputt.“

„Ich bin nicht  so. Was machst du hier? Ich habe noch nie eine Elfe hier auf unserem Feld gesehen.“

„Ich suche einen Freund, der mit mir spielt und dem ich alles erzählen kann“, antwortete Tani.

„Oh fein, dann lass mich dein Freund sein. Ich habe viele Freunde, weißt du. Aber keiner davon ist eine Elfe.“

Tani schaute ihn aufmerksam an. Felix sagte, er habe viele Freunde. Dann wusste er sicher, wie es ist Freund zu sein.  Schon begannen ihre Flügel ein wenig mehr zu schillern. Sie setzte sich auf Felix` Schulter. Der Junge lief zurück zu den Erwachsenen, die so sehr miteinander beschäftigt waren, dass sie Tani nicht bemerkten. Felix nahm sie mit in sein Zuhause, einem großen Haus aus Stein. Tani fühlte sich nicht wohl darin. Es war bedrückend, als wäre sie in einer großen Kiste. Ihr fehlten die Leichtigkeit ihrer Wohnblüte, die leuchtenden Farben und die schönen Düfte.

Felix baute ihr ein eigenes kleines Haus aus einer Schachtel, in die er Grashalme und abgezupfte Blütenblätter legte, die nur zu schnell welkten. Wie sehr erschrak das Elfenmädchen, als Felix den Deckel auf die Schachtel legte, in den er zuvor kleine Löcher gestochen hatte, durch die jetzt nur ganz wenig Licht drang. So sehr sich Tani auch bemühte, sie hatte nicht die Kraft, sich aus der dunklen Enge dieser Schachtel zu befreien. Sie war gefangen.

Am Nachmittag bekam Felix Besuch von seinen Menschenfreunden. Stolz zeigte er ihnen das Elfenmädchen. Er nahm Tani aus ihrer Behausung und reichte sie an seine Freunde weiter. Die sahen sie staunend an wie einen seltenen Stein, zupften an ihren Armen und Flügelchen, bis es schmerzte und sie Angst haben musste, dass sie ernsthaft verletzt werden würde. Ihre Stimmen waren laut und  übermütig. Als die Menschenkinder sie gar in die Luft warfen, um sie fliegen zu sehen, flog sie geschwind durch das offen stehende Fenster in die Freiheit. Nein, Felix war wohl auch nicht der richtige Freund für sie.

Tani setzte sich auf einen Ast im Kirschbaum, der vor dem Haus stand, in dem Felix wohnte. Sie fühlte sich furchtbar allein und hatte Sehnsucht nach ihrer Lichtung und ihren Eltern, die sie doch liebte. Sie dachte an Tori, mit dem sie immer reden konnte. Es hatte keinen Sinn, so weit weg von zu hause nach einem Freund zu suchen. Niedergeschlagen flog sie wieder in Richtung Wald. Schon bald würde die Sonne untergehen und Tani hatte keine Lust, noch eine Nacht fern ihrer Lichtung übernachten zu müssen. Sie sammelte ihre letzten Kräfte, durchquerte den Wald, in dem irgendwo Knorf herum polterte. Sie würde sich wohl damit abfinden müssen, keinen Freund zu haben und allein zu bleiben.

Endlich, Tani war schon fast am Ende ihrer Kräfte angelangt, sah sie die sich schließenden Blüten der Elfenlichtung vor sich. Die langsam untergehende Sonne tauchte  sie in ein magisches Licht und die Vögel stimmten bereits ihr Abendlied an. Wie schön war es doch, wieder dort zu sein, wo jeder sie kannte und so war, wie sie selbst. Tani spürte Sehnsucht nach der Sanftheit ihrer Mutter und der Herzlichkeit ihres Vaters. Auch Tori hatte sie vermisst, mit dem sie reden konnte, der ihr zuhörte und immer einen Rat für sie hatte. Sie sah, wie all die anderen Elfenkinder zu ihren Blüten flogen. Bald würde es dunkel sein.

Tani blickte zu dem Moospolster, wo sie gesessen hatte, um Tori ihr Leid zu klagen. Doch was war das? Dort saß jemand und schaute in ihre Richtung. Tani blickte genauer hin und erkannte Tori. Hatte er denn die ganze Zeit auf sie gewartet? Tani sammelte ihre letzten Kräfte und flog zu ihm. Müde ließ sie sich neben Tori auf dem weichen Moospolster nieder.

Er strahlte sie an. „Hallo Tani, schön, dass du wieder zurück bist. War deine Suche erfolgreich?“

„Tori, ist das schön, dich zu sehen. Ich habe leider keinen Freund gefunden.“  Tani erzählte ihm, was sie erlebt hatte. „Hast du etwa die ganze Zeit auf mich gewartet?“

„Ja sicher, du hast mir doch gefehlt und ich hatte Angst, dass dir etwas passieren könnte.“

Tani wurde bei diesen Worten ganz warm ums Herz. Tori hatte auf sie gewartet. Er hatte sie vermisst, sich um sie gesorgt. Und wenn sie es recht bedachte, war er immer für sie da, vor allem, wenn es ihr nicht so gut ging. Sie war so weit weg gewesen, um zu erkennen, dass sie doch lange schon einen Freund hatte. Ihre Augen begannen zu strahlen und sie schaute Tori an. Der lachte sie an. „Und morgen, morgen werden wir mit den anderen tanzen und spielen.“

Arm in Arm sahen sie der untergehenden Sonne zu und Tanis Flügel schillerten in allen Farben des Regenbogens.

Published in: on 22. Dezember 2011 at 21:48  Comments (2)  
Tags: , , , ,

Im Reich der Elfen und Feen

Die erste der beiden folgenden Zeichnungen entstand durch einen Impuls der Diva, die uns in ihrer neuen Wochenaufgabe in das Reich der Elfen und Feen entführte. Gefragt wurde nach dem Land der Elfen.

Irgendwie hatte es mir die Blüte angetan und zugleich erinnerte ich mich an eines meiner Märchen, welches ich vor einiger Zeit schrieb und das noch illustriert werden wollte. Beim Zeichnen und Colorieren ging es mir richtig gut, tauchte ich doch selbst wieder ein in diese Welt voller Licht und Magie. Aber lest bitte selbst:

Dort, wo sich die Grenze befindet zwischen Schlaf und Traum, gibt es ein Land voller Zauber und Farben. Manchen Kindern gelingt es, in ihren Träumen dieses Land zu betreten und dort aufregende Abenteuer zu erleben. Anderen wieder ist es möglich, ihre Erlebnisse nach dem Erwachen weiterzuerzählen oder sogar in wundervollen Bildern festzuhalten. Lass uns gemeinsam in dieses Land reisen, in dem die wunderlichsten Wesen leben. Schau genau hin und lausche, dann wirst auch Du sie entdecken können.

Tani sucht einen Freund

Die Sonne schien durch das Laub der uralten Bäume und malte lustige Kringel auf die Lichtung. Das Gras wiegte sich im warmen Sommerwind und die Blumen nickten Tani, dem kleinen Elfenmädchen, zu. Sie saß auf einem dicken Moospolster und ließ ihre zarten Flügelchen traurig hängen. Ja, sie war so traurig, dass ihre Flügel, die sonst in allen Farben schillerten, jetzt
matt und grau an ihr herabhingen. Die anderen Elfenkinder schwirrten über die Lichtung und spielten Haschen zwischen den Blüten und Grashalmen. Lachen klang zu Tani herüber, doch sie ließ sich davon nicht anstecken.
Ein Elfenjunge mit zartblauen Flügeln, die im Sonnenlicht seidig schimmerten, löste sich aus dem fröhlichen Treiben. Tani erkannte in ihm Tori, den stillen Elf aus der Nachbarblüte. Er kam auf sie zu.
„Hey Tani, was ist los? Du sitzt hier wie eine kleine Regenwolke. Komm doch mit und spiel mit uns.“
Tani schaute Tori traurig aus ihren großen Augen an. Eine kleine Träne löste sich aus dem Augenwinkel und kullerte über ihre Wange.
„Ach Tori, schau doch nur. Alle auf der Wiese haben jemanden, mit dem sie spielen und reden können. Nur ich habe keinen Freund und bin allein.“
Tori sah auf die Lichtung. Tani hatte Recht. Keines der Elfenkinder war allein. „Warum suchst du dir nicht auch einen Freund, mit dem du über alles reden kannst und der mit dir spielt? Von allein wird keiner kommen. Es gibt bestimmt jemanden, der dich gern haben wird.“
„Du meinst, ich soll einfach losgehen?“
„Klar, du wirst sehen, bald hast du auch einen Freund und bist nicht mehr allein.“
„Ach Tori, danke für deinen Rat.“ Ein Lächeln huschte über Tanis Gesicht und ihre Flügelchen sahen schon gar nicht mehr ganz so grau aus. Sie flog zu ihrer Blüte, verabschiedete sich von ihrer Mutter und ihrem Vater und flog in Richtung Waldrand ohne noch einmal zurückzublicken. So konnte sie nicht sehen, dass nicht nur ihre Eltern ihr hinterher sahen, sondern auch Tori ihr mit seinen Blicken folgte. Es war ihr etwas unwohl, denn sie hatte noch nie ihre Heimatlichtung verlassen.
Mit bangem Herzen flog sie in den Wald. Die Kronen der uralten Tannen schluckten das Licht und warfen düstere Schatten auf den Waldboden. Dort lagen vermoderte Wurzeln und Äste, stachliges Brombeergestrüpp rankte sich durch das Dickicht und Pilze verbreiteten ihren aromatischen Duft. Wie froh war Tani, dass sie fliegen konnte. Doch sie musste aufpassen. Wie leicht konnte sie mit ihren zarten Flügeln an Ästen und Tannennadeln hängen bleiben und sich dann verletzten. Am liebsten wäre sie zu ihrer sonnigen Lichtung zurückgekehrt, doch dann würde sie weiter allein bleiben.
Lange flog sie, ruhte sich auf Ästen aus und trank den Nektar der Waldblumen, um wieder zu Kräften zu kommen. Längst schon war von ihrer Lichtung nichts mehr zu sehen und die Sonne versank ganz langsam. Im Wald wurde es immer düsterer. Plötzlich hörte Tani ein Poltern ganz in ihrer Nähe. Sie drehte sich in die Richtung, aus der das Getöse kam und wäre fast mit einem riesigen Wesen zusammen-gestoßen. Erschrocken sahen sich beide an. Tani schaute in große, kohlrabenschwarze Kulleraugen, die sich in einem Gesicht befanden, das wie aus Stein gemeißelt erschien. Seine Haut war grau und an manchen Stellen grün, so, als wäre sie mit Moos bedeckt. Seine Haare standen in strubbligen Strähnen in alle Himmelsrichtungen. Tani entdeckte Zweige und verwelkte Blätter in ihnen, die dort wohl schon seit einer Ewigkeit festhingen. Es hätte sie nicht gewundert, wenn sie in all dem Wirrwarr ein Vogelnest entdeckt hätte.
Halt suchend klammerte sich der merkwürdige Geselle mit seinen großen Pranken am nächsten Baumstamm fest, der protestierend knarrte.
„Wer bist du denn?“, fragte er mit einer Stimme, die wie zerbrechendes Holz klang.
„Ich bin Tani von der Elfenlichtung“, antwortete sie, ohne ihn aus ihren Augen zu lassen
„Ich bin Knorf von den Waldschraten“, stellte sich der wilde Bursche vor. „Die Sonne geht unter und ich kann endlich raus und zwischen den Bäumen und Felsen spielen. Weißt du, wir Waldschrate mögen die Sonne nicht so sehr.“
Der Waldkauz hatte sich mit lautem Rumpeln auf den Waldboden gesetzt und betrachtete sie neugierig. „Was machst du um diese Zeit hier im Wald? Ich dachte immer, Elfen verlassen niemals ihre Lichtungen.“
„Ich suche einen Freund“, antwortete Tani.
„Einen Freund? Hm, was ist ein Freund?“
Tani blickte Knorf erstaunt an. Wusste der Waldschrat denn nicht, was ein Freund ist? „Das ist jemand, mit dem man immer spielen kann und der einen niemals allein lässt.“
„Oh, spielen. Spielen, das kann ich richtig gut. Und zu Zweit macht es bestimmt noch mehr Spaß. Du musst nicht mehr suchen, Tani. Ab jetzt bin ich dein Freund.“
„Einfach so? Du bist einfach so mein Freund?“
„Klar, spielen kann doch jeder. Was spielt ihr Elfen denn so?“
„Wir tanzen viel oder spielen Fangen und Verstecken zwischen den Blüten.“
„Blüten gibt es hier im Wald nicht so viel. Und wenn die Sonne weg ist, sind sie sowieso geschlossen. Aber wir können das ja auch zwischen den Bäumen spielen. Komm Tani, lass uns Fangen spielen.“ Schon polterte Knorf los und riss dabei eine kleine Fichte um. Dabei stampfte er auf, dass der Waldboden bebte. Mit lautem Getöse entfernte sich der Waldschratjunge und hinterließ eine Schneiße aus zertretenen Pflanzen und kleinen, umgeknickten Bäumen.
Tani erschrak. Sie konnte Knorf nur noch hören. Weißt Du, Elfen sind zarte Geschöpfe des Lichtes uns brauchen die Sonne, so wie die Blumen, die sich auch nur bei Sonnenschein öffnen. In der Nacht sind sie blind wie kleine Maulwürfe unter der Erde.
Noch während der Krach, den Knorf machte, langsam nachließ, rollte sich Tani unter dem Schirm eines großen Birkenpilzes zusammen und schlief mit dem Gedanken ein, dass Knorf wohl doch nicht der richtige Freund für sie wäre.
Sonnenstrahlen weckten Tani. Sie tanzten über den Waldboden und kitzelten ihre Nase, sodass sie laut nießen musste. Tani trank einen Schluck Morgentau und naschte vom Nektar der wenigen Blüten, die das dornige Brombeergesträuch trug, das hier überall wuchs. Ganz vorsichtig näherte sie sich den Blüten, um sich ihre zarten Flügel an den scharfen Dornen nicht zu zerreißen.
So gestärkt nahm sie ihre Suche wieder auf. Sie flog und flog, bis sie an den Waldrand kam. Noch nie waren Elfen ihrer Art so weit weg von ihrem Zuhause. Staunend schaute sie auf die sonnenüberflutete Ebene, die sich vor ihr ausbreitete. Fast meinte sie, ein großer goldener Teppich würde dort liegen. Doch es waren nur die reifen Ähren vollen Korns, die sich sanft im Wind wiegten und im Sonnenlicht erstrahlten.
Tani hörte Stimmen und schaute in die Richtung, aus der sie erklangen. Am Waldrand sah sie Wesen, die sie hin und wieder schon einmal aus der Ferne auf ihrer Lichtung gesehen hatte. Sie sahen aus wie Elfen, nur viel größer, etwas kräftiger und sie hatten keine Flügel. Das mussten Menschen sein. Von ihnen hatte ihre Mutter oft erzählt. Sie lachten laut und ihre Stimmen überschlugen sich. Ein Mensch, der kleiner war, löste sich aus der Gruppe. Keiner schien etwas zu bemerken. Er kam direkt auf Tani zu, die ihn mit klopfendem Herzen beobachtete. Seine Bewegungen waren noch nicht sicher, die Augen schauten neugierig auf all das, was seinen Weg kreuzte. Vor einer voll erblühten, leuchtend roten Mohnblume hielt er sogar inne, um sie sich genauer anzusehen. Das musste ein Menschenkind sein.
Jetzt war er ganz nah bei Tani und schon schaute er sie aus klaren, blauen Augen an. Erstaunt fragte das Menschenkind: „Wer bist du denn?“
„Ich bin Tani, eine Blumenelfe. Und wer bist Du?“
„Ich bin Felix.“
„Bist du ein Mensch?“
„Ja, kennst du denn Menschen nicht?“
„Nur vom Hörensagen. Meine Mutter erzählte mir, Menschen würden sich immer streiten und sich kaum um die Natur kümmern. Sie glauben nicht an uns Elfen und machen alles kaputt.“
„Ich bin nicht so. Was machst du hier? Ich habe noch nie eine Elfe hier auf unserem Feld gesehen.“
„Ich suche einen Freund, der mit mir spielt und dem ich alles erzählen kann“, antwortete Tani.
„Oh fein, dann lass mich dein Freund sein. Ich habe viele Freunde, weißt du. Aber keiner davon ist eine Elfe.“
Tani schaute ihn aufmerksam an. Felix sagte, er habe viele Freunde. Dann wusste er sicher, wie es ist Freund zu sein. Schon begannen ihre Flügel ein wenig mehr zu schillern. Sie setzte sich auf Felix` Schulter. Der Junge lief zurück zu den Erwachsenen, die so sehr miteinander beschäftigt waren, dass sie Tani nicht bemerkten. Felix nahm sie mit in sein Zuhause, einem großen Haus aus Stein. Tani fühlte sich nicht wohl darin. Es war bedrückend, als wäre sie in einer großen Kiste. Ihr fehlten die Leichtigkeit ihrer Wohnblüte, die leuchtenden Farben und die schönen Düfte.
Felix baute ihr ein eigenes kleines Haus aus einer Schachtel, in die er Grashalme und abgezupfte Blütenblätter legte, die nur zu schnell welkten. Wie sehr erschrak das Elfenmädchen, als Felix den Deckel auf die Schachtel legte, in den er zuvor kleine Löcher gestochen hatte, durch die jetzt nur ganz wenig Licht drang. So sehr sich Tani auch bemühte, sie hatte nicht die Kraft, sich aus der dunklen Enge dieser Schachtel zu befreien. Sie war gefangen.
Am Nachmittag bekam Felix Besuch von seinen Menschenfreunden. Stolz zeigte er ihnen das Elfenmädchen. Er nahm Tani aus ihrer Behausung und reichte sie an seine Freunde weiter. Die sahen sie staunend an wie einen seltenen Stein, zupften an ihren Armen und Flügelchen, bis es schmerzte und sie Angst haben musste, dass sie ernsthaft verletzt werden würde. Ihre Stimmen waren laut und übermütig. Als die Menschenkinder sie gar in die Luft warfen, um sie fliegen zu sehen, flog sie geschwind durch das offen stehende Fenster in die Freiheit. Nein, Felix war wohl auch nicht der richtige Freund für sie.
Tani setzte sich auf einen Ast im Kirschbaum, der vor dem Haus stand, in dem Felix wohnte. Sie fühlte sich furchtbar allein und hatte Sehnsucht nach ihrer Lichtung und ihren Eltern, die sie doch liebte. Sie dachte an Tori, mit dem sie immer reden konnte. Es hatte keinen Sinn, so weit weg von zu hause nach einem Freund zu suchen. Niedergeschlagen flog sie wieder in Richtung Wald. Schon bald würde die Sonne untergehen und Tani hatte keine Lust, noch eine Nacht fern ihrer Lichtung übernachten zu müssen. Sie sammelte ihre letzten Kräfte, durchquerte den Wald, in dem irgendwo Knorf herum polterte. Sie würde sich wohl damit abfinden müssen, keinen Freund zu haben und allein zu bleiben.
Endlich, Tani war schon fast am Ende ihrer Kräfte angelangt, sah sie die sich schließenden Blüten der Elfenlichtung vor sich. Die langsam untergehende Sonne tauchte sie in ein magisches Licht und die Vögel stimmten bereits ihr Abendlied an. Wie schön war es doch, wieder dort zu sein, wo jeder sie kannte und so war, wie sie selbst. Tani spürte Sehnsucht nach der Sanftheit ihrer Mutter und der Herzlichkeit ihres Vaters. Auch Tori hatte sie vermisst, mit dem sie reden konnte, der ihr zuhörte und immer einen Rat für sie hatte. Sie sah, wie all die anderen Elfenkinder zu ihren Blüten flogen. Bald würde es dunkel sein.
Tani blickte zu dem Moospolster, wo sie gesessen hatte, um Tori ihr Leid zu klagen. Doch was war das? Dort saß jemand und schaute in ihre Richtung. Tani blickte genauer hin und erkannte Tori. Hatte er denn die ganze Zeit auf sie gewartet? Tani sammelte ihre letzten Kräfte und flog zu ihm. Müde ließ sie sich neben Tori auf dem weichen Moospolster nieder.
Er strahlte sie an. „Hallo Tani, schön, dass du wieder zurück bist. War deine Such erfolgreich?“
„Tori, ist das schön, dich zu sehen. Ich habe leider keinen Freund gefunden.“ Tani erzählte ihm, was sie erlebt hatte. „Hast du etwa die ganze Zeit auf mich gewartet?“
„Ja sicher, du hast mir doch gefehlt und ich hatte Angst, dass dir etwas passieren könnte.“
Tani wurde bei diesen Worten ganz warm ums Herz. Tori hatte auf sie gewartet. Er hatte sie vermisst, sich um sie gesorgt. Und wenn sie es recht bedachte, war er immer für sie da, vor allem, wenn es ihr nicht so gut ging. Sie war so weit weg gewesen, um zu erkennen, dass sie doch lange schon einen Freund hatte. Ihre Augen begannen zu strahlen und sie schaute Tori an. Der lachte sie an. „Und morgen, morgen werden wir mit den anderen tanzen und spielen.“
Arm in Arm sahen sie der untergehenden Sonne zu und Tanis Flügel schillerten in allen Farben des Regenbogens.

© Simone Bischoff

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 162 Followern an